Merkt hier eigentlich noch jemand was?


21. Oktober 2007, von in Artikel

Vor ein paar Tagen schrieb spiegel-online:

Wikipedia-Leidenschaft kühlt ab

Das Web-Lexikon lahmt: weniger Anmeldungen, weniger Korrekturen, weniger Uploads. Diese Statistik eines Administrators schockiert Wikipedianer. Alte Hasen fürchten: Stagnation bedeutet Streit. Affektlöschungen angeblich irrelevanter Artikel sind heute schon Wiki-Alltag.

Der eilige Leser wird daraus messerscharf schließen, dass Wikipedia auf dem absteigenden Ast ist und möglicherweise dem baldigen Ende entgegensieht.

Dieser Artikel reiht sich ein in eine ungute Pressetradition. Ist ein Projekt erst einmal richtig erfolgreich, hat es immer eine ordentliche Tracht Prügel verdient. Was groß bekannt und möglicherweise mächtig ist, kann nicht gut sein. Und erst recht darf dann kein ordentlicher Journalist mehr irgendetwas Positives darüber schreiben.

Die Reihe von Beispielen ist endlos. Nur ein Beispiel: Als Google noch unbekannter Neuling war, war die Presse des Lobes voll. Seitdem dieses Unternehmen mit Abstand Marktführer ist, muss man für positive Berichterstattung ganz schön lange googeln.

Die Daten, die für den Spiegel OnLine Artikel über Wikipedia herangezogen werden, verdienen eine nähere Betrachtung:

Neuanmeldungen bei Wikpedia

Dies ist der Verlauf der Neuanmeldungen bei Wikipedia.

 

 

Bildunterschrift bei Spiegel:

Neue Nutzer: Der Allzeithöhepunkt der Neunameldungen war bei der englischsprachigen Wikipedia Anfang 2007 erreicht. Seitdem fiel die Menge um fast ein Drittel auf etwa 7000 Registrierungen am Tag

 

7.000 Neuanmeldungen pro Tag! Nur in der englischsprachigen Fassung!

 

Statt in Ehrfurcht darüber zu berichten, dass eine Non-Profit Organisation pro Tag 7.000 neue Nutzeranmeldungen hat…

 

Eine schöne und deutlich passendere Unterschrift wäre gewesen:

Granatentitti! Run auf Wikipedia ungebrochen, immer noch unglaubliche 7.000 Neuanmeldungen pro Tag.

 

Noch besser wird’s hier:

Neue Artikel bei Wikipedia

 

 

Spiegel unterschreibt diese Grafik:

Stagnation: Die englischsprachige Wikipedia wächst seit Anfang 2006 nicht mehr so schnell wie zuvor, die Menge täglich neu eingestellter Artikel vervielfacht sich 2007 nicht mehr so wie in den Vorjahren

 

1.500 neue Artikel pro Tag!

 

Warum schreibt man nicht lieber: Eine der erstaunlichsten Tatsachen ist, dass auf einer Plattform, auf welcher die Autoren keinerlei Vergütung bekommen und für die keine Werbung gemacht wird immer noch über 1.500 Artikel pro Tag eingestellt werden, obwohl es schon mehr als 2 Mio Artikel gibt. Jeder der schon mal einen Artikel in Wikipedia erstellt hat, weiß, wie viel Arbeit das sein kann.

 

Wikipedia ist immer noch eins der faszinierendsten Projekte der Menschheit. Die Software ist Open Source. Auch der Inhalt ist offen, frei und kostenlos verfügbar. Die Inhalte sind das Beste, was jemals als Lexikon erzeugt wurde. Und das ganze wurde von mehreren hunderttausend Menschen vollbracht, die in keiner formalen Hierarchie arbeiten. Hier wird eindrucksvoll demonstriert, wie hierarchiefreie Gruppen schneller, umfangreicher, und in besserer Qualität als jede andere bekannte Organisationsform arbeiten.

Statt sich auf die Suche nach den immer noch nicht verstandenen Mechanismen zu machen, um sie nutzbringend für andere Vorhaben verfügbar zu machen, kloppt man lieber darauf rum.

 

Wenn schon nicht von der Presse, würde man wenigstens von der Blogosphere mehr Umsicht und Intelligenz erwarten.

 

Aber auch hier: Fehlanzeige.

 

Nur ein Beispiel von vielen: Auf basicthinking eins der besten und meistgelesenen Blogs Deutschlands wird nicht nur der Spiegel-Artikel als Anlass genommen, auf die zunehmende Verbeamtung der Wiki-Strukturen hinzuweisen. Der Blogeintrag ist die Front einer Welle, die dann durch die gesamte Blogosphere fegte. Fast alle waren sich einig: Wikipedia ist Mist.

 

Man muss auch in dieser Szene mittlerweile positive Einträge zu Wikipedia suchen, wie die Nadel im Heuhaufen.

 

Jungs, fangt mal wieder das Nachdenken an!

 

Es stimmt, ich habe es selber erlebt, dass es bei Wikipedia Vollidioten gibt, die sich genauso verhalten, wie ihr das beschreibt. Ich habe aber deutlich mehr Menschen dort kennen gelernt, die nett und super hilfsbereit waren. Als ich Fehler gemacht habe, wurde ich u.a. mit Tutorien und anderen Hilfestellungen unterstützt.

 

Wenn ihr was Besseres gefunden oder vielleicht sogar geschaffen habt, lasst es mich wissen. Nur rummosern kanns ja wohl jedenfalls nicht sein…

 

Tschuldigung, jetzt habe ich mich ein bisschen geärgert.

Alexander Kahl, 22. Oktober 2007 um 00:11

Was SpOn vor allen Dingen nicht bedenkt:

Auch die zu schaffenden Inhalte sind begrenzt. Früher oder später wird natürlich die Generierung von neuen Artikeln immer geringer werden, da nicht mehr aus dem allumfassenden Archiv des kollektiven Wissens geschöpft werden kann.
Ab diesem Zeitpunkt werden natürlich auch nur noch dann neue Artikel angelegt, wenn tatsächlich neue Informationen und neues Wissen entsteht.

Zugegeben, bis dahin ist es noch ein langer Weg, aber diese Entwicklung wird sich kaum aufhalten lassen.

Das gleiche trifft auf die neuregistrierten Nutzer zu:
Völlig klar, dass irgendwann die Zahlen rückläufig sind, wenn der Großteil der relevanten Personen abgegrast bzw. angemelet ist.

SpOn als Internetarm eines der traditionsreichsten Medien auf toten Bäumen in .de sieht möglicherweise seine Felle davon schwimmen – wer weiss ;) Andererseits würde mich bei der Reichweite des Artikels mal die direkte Auswirkung auf Nutzerzahlen und -Aktivität zumindest in der deutschen Wikipedia interessieren. Danach ging sicherlich einiges…

Etwas anders zu bewerten sehe ich da die Diskussion in der Bloglandschaft:
Hier geht es so weit ich es verfolgt habe, um die immer weiter ausufernden Regulrarien WER in der Wikipedia WAS unter WECHEN Voraussetzungen schreiben darf. Beziehungsweise, was z.B. wegen mangelnder Relevanz wieder gelöscht wird.

Und hier kann ich den Ärger wiederum durchaus verstehen.
Die Frage nach Relevanz sollte sich in dem Projekt nicht mehr stellen, da die einzige Rechtfertigung für eine Relevanzbeurteilung Ressourcenknappheit wäre. Diese stellt sich beim heutigen Stand der Technik und der reinen Text-/Bild-Informationen in Wikipedia mMn nicht.
In dem Moment, wo sich jemand hinsetzt und einen umfangreichen Artikel schreibt, ist die Relevanz doch bereits gegeben.
Wenn dieser Artikel nun von einem absoluten Experten auf seinem Gebiet geschrieben wurde, der zugleich neueste Erkenntnisse mit einfliessen ließ, ist die Chance, dass der Artikel von anderen Mitgliedern in die „falsche“ bzw. „alte“ Richtung modifiziert oder sogar gelöscht wird sehr gross, da ihr Kenntnisstand nicht dem des Experten entspricht und sie in ihrer Unwissenheit meinen richtig zu handeln. Verständlich, dass hochkarätige Wissensträger dadurch schnell demotiviert werden und auch verständlich, dass sie ihre Beiträge nicht gegen gefährlches Halbwissen verteidigen und durchdiskutieren möchten.

Hierfür muss kurzfristig eine Lösung geschaffen werden, damit Inhalte nicht mehr ohne Weiteres gelöscht werden sondern allenfalls als fraglich, erkärungs- oder diskussionsbedürftig deklariert werden können.
Die Technik gibt es schliesslich her – z.B. so:
An jeden Absatz eines Artikels kommt neben den Bearbeiten-Link auch ein Diskutieren Tab, durch den per AJAX die Diskussion ein- und ausgeblendet werden kann.

Statt zu löschen, bleibt der Inhalt für alle ersichtlich und wenn eine Information fragwürdig ist, wird es auch dem Nichtexperten dadurch ersichtlich.
Sonst werden die führenden Exerten auf einem Gebiet recht schnell die Lust verleren Ihr hochkarätiges Wissen in einer Enzyklopädie anzubieten, indem es von übereifrigen und unterinformierten Personen zerredet oder sogar eliminiert wird, weil sie es nicht besser wissen.

Selbst gegen Werbung spricht in einem solchen selbstregulierten System nichts – wenn ein Unternehmen sein Produkt als Artikel einstellt und es erst einmal beim C&P der Katalogdaten beläßt, die nun aber von anderen Nutzern erweitert werden – WENN es jemanden interessiert, so what?

Ein weiterer Punkt an dem sich die Blogospere stößt, ist die Verweigerung der Wikipedia gegen die Angabe von Blogs als Quellen und weiterführenden Links.
Was masst man sich hier in der Wikipediagemeinde an? Wenn ich in einem Artikel zur Klimaerwärmung zim Blog eines anerkannten Wissenschaftlers, oder im Artikel zu Unternehmensrecht auf ein Blog eines speziell hierauf spezialisierten Anwalts und Professors verlinkte, dann werden solche Links lapidar mit dem Hinweis auf „keine Links auf Blogs“ gelöscht. Merkt da noch einer den Einschlag? Gerade das macht die Wikipedia für mich aus – ich bekomme einen Schnelleinstieg in ein Thema und dann Sekundärquellen zum Vertiefen.

In der aktuellen Vorgehensweise sehe ich durchaus eine Gefahr der Mittelmäßigkeit für den Inhalt, wenn jederm der nur denkt er hääte Ahnung kontroverse Inhalte löschen darf. Stellt Euch nur mal vor, ein User namens Kopernikus würde im Erde-Artikel das heliozentrische Weltbild in Frage stellen und hunderte löschgeile Inquisitionsuser löschen, flamen und krakeelen was das Zeug hält…

Glücklicherweise besteht dieses Problem eher in der deutschen Ausgabe – die .org geht da sehr viel freier um.

…just my 2 cents

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