Wir führen bei uns Liquid Feedback ein


15. Dezember 2011, von in Neuigkeiten, Open Source, Web x.0, Wiki

Wir haben in unserem neuen Leitbild u.a. als Ziel die „radikale Selbstorgansiation“ definiert.

Als bisherige wesentliche Schritte zur Erreichung dieses Ziels haben wir das Wiki, die Ermächtigung für jeden Mitarbeiter in unserem Namen im Internet zu kommunizieren eingeführt.

Wir haben mittlerweile 6 Jahre Erfahrungen mit den beiden Maßnahmen gesammelt und können sagen, dass es in weiten Teilen gut funktioniert. Allerdings haben wir gerade bei der Leitbilderstellung gemerkt, dass das Wiki nur sehr eingeschränkt geeignet ist, unternehmenswichtige Entscheidungen außerhalb des Führungskreises zu initiieren oder Missstände sichtbar werden zu lassen.

Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass die Offenheit in der Kommunikation auch bei uns unzumutbare Risiken für die Mitarbeiter bedeuten kann.

Wir haben nun ein weiteres Werkzeug entdeckt, welches uns helfen kann, auf der einen Seite auch unangenehme Äußerungen unter sicheren Schutz der Anonymität zu stellen und andererseits eine deutliche weitere Verlagerung der Entscheidungsbefugnisse in Richtung aller Mitarbeiter zu ermöglichen.

Es handelt sich dabei um die Software Liquid Feedback.

Sie mischt Elemente repräsentativer Demokratie mit basisdemokratischen Funktionen.

Sie ist momentan bei der Piratenpartei auf Landes- und Bundesebene im Einsatz und funktioniert vor allem in Berlin außergewöhnlich gut bei der Willensbildung. Auf Bundesebene sind ca. 6.000 Mitglieder aktiv. Man kann sich die Software auch als Nichtmitglied im Einsatz ansehen. Mitwirken können allerdings nur Mitglieder.

Wir haben entschieden, dass wir die Software bei SYNAXON für interne Zwecke einsetzen wollen. In einem 2. Schritt könnte man darüber nachdenken, ob wir eine 2. Instanz für unsere Partner bereitstellen. Beide Instanzen sind im Gegensatz zu den Piraten nur den zugelassenen Nutzern und keinen Gästen zugänglich.

Diese Software bietet absolut verlässlichen Schutz der Anonymität. Es gibt ein aufwändiges technisches Verfahren zur Vergabe von Zugängen, welches neben der Anonymität zusätzlich sicher stellt, dass jeder nur einen Zugang bekommen kann. Das wird über eine Clearingstelle erreicht. Nicht einmal Admins sind in der Lage, Personen gegen ihren Willen aufzudecken. Sie brauchen dafür zusätzlich die Clearingstelle, die ebenfalls nicht alleine agieren kann. Sie braucht die Admins als Gegenstelle dazu.

Bei den Piraten muss auf Antrag eine Schiedstelle bei Vorliegen von Straftaten oder schwerer Verletzung von Parteiinterressen entscheiden, ob aufgedeckt werden darf oder nicht.

Wir werden selbst darauf verzichten. Wir können uns keinen Fall vorstellen, wo ein so schwerer Missbrauch vorliegt, dass eine Aufdeckung gerechtfertigt wäre. Sollte jemand wider Erwarten durch Missbrauch (z. B. heftige Beleidigungen) auffallen, werden wir den ggf. das betroffene Nutzerkonto sperren. Wir werden jeden, der versucht, das System zu hacken, um an Nutzerdaten zu kommen, fristlos kündigen.

Jeder Mitarbeiter kann entscheiden, ob er anonym oder mit Klarnamen unterwegs sein möchte. Wer mit Alias startet kann diese Entscheidung später noch auf Klarnamen korrigieren. Anders herum ist es schwieriger, da die Namenshistorie sichtbar ist ;-).

Jeder kann ein Themengebiet anlegen.

Jeder ist berechtigt innerhalb eines Themengebiets eine Initiative zu starten, wie z.B. „doppelte Kaffeepause bei vollem Kuchenausgleich“. Er kann den Antrag im System begründen. Um zur Diskussion zugelassen zu werden, muss die Initiative ein erstes Quorum erreichen. Diese können wir in der Software frei parametrisieren. Das könnte zB sein: 20% aller Mitarbeiter.

Wenn dieses Quorum erreicht wird, wird die Diskussionsphase freigeschaltet. Hier kann in der Software aber auch an anderen beliebigen Stellen (an denen die Anonymität nicht mehr so gewährleistet ist) geführt werden. Jeder kann Anregungen zur Änderung der Initiative geben oder Gegeninitiativen starten. Der Initiator entscheidet, ob er die Anregungen umsetzt oder nicht und kann jederzeit in der Software sehen, wie sich Abstimmungsergebnisse durch die Einarbeitung der Anregungen verändern würden.

Nach der Diskussionsphase wird die Initiative ein paar Tage oder Wochen eingefroren. Jeder kann dann in dieser Zeit außerhalb der Plattform weiter diskutieren. Danach wird abgestimmt. Bei einfacher Mehrheit gilt die die Initiative als erfolgreich.

Wir verpflichten uns, alle erfolgreichen Initiativen auch umzusetzen. Wir haben zwar das letzte Vetorecht, würden dies aber nur in seltenen Notfällen ziehen. Schließlich haben wir als Führungskräfte, die Möglichkeit in der Diskussion unsere Argumente einzubringen. Wenn wir dann trotzdem überstimmt werden, ist das für uns ein starkes Signal, welches für uns grundsätzlich bindende Wirkung hat. Uns ist klar, dass dieses System nicht funktioniert, wenn wir von unserem Vetorecht zu oft Gebrauch machen würden.

Das ist basisdemokratische Teil der Software. Zusätzlich bietet sie die Möglichkeit der Delegationen. Wer zu bestimmten Themen entweder aus Zeitgründen oder aber weil er selber nicht kompetent ist, nicht mitstimmen möchte, kann seine Stimme auf jemand anderen übertragen. Das kann man bezogen auf Themen, auf Initiativen oder global machen. Bei einer Globaldelegation stimmt immer dann ein Delegierter, wenn ich selber von meinem Recht kein Gebrauch mache. Hierdurch wird ein meritokratisches System neben der formalen Aufbauorganisation geschaffen. Durch eingehende Delegationen bilden sich neue Machtzentren, die sich nicht mit der formalen Hierarchie des Unternehmens decken müssen.

Ich habe wie damals bei Wikipedia eigene Erfahrungen mit der Software gemacht und bin begeistert von ihr. Die Usability ist ähnlich wie beim Wiki nicht gut aber sie ist in der Funktionalität extrem ausgereift.

Die Führungskräfte haben sich einstimmig positiv für eine testweise Einführung ausgesprochen. Auch aus dem Mitarbeiterkreis gibt es eine große Mehrheit dafür.

Wir werden voraussichtlich nächste Woche mit der 6 monatigen Testphase beginnen und hier weiter darüber berichten.

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