Das erste Quartal mit Liquid Feedback in unserem Unternehmen ist rum. Ein Zwischenstand.


21. Mai 2012, von in Neuigkeiten

Am 1.2. wurde die erste Initiative in unserem Liquid Feedback (LQFB) eingestellt. Ich war  bei der Einführung mindestens genauso gespannt, wie bei der Einführung unserer Wikis für mehr als 5 Jahren.

Unser LQFB geht noch einen deutlichen Schritt weiter als unser Wiki. Im LQFB können alle Mitarbeiter mit sicheren Pseudonymen arbeiten. Es ist sowohl technisch als auch rechtlich so eingerichtet, dass sich jeder darauf verlassen kann, dass seine Identität nicht aufgedeckt werden kann.

Wir haben uns als Unternehmensleitung dazu verpflichtet, erfolgreiche Initiativen umzusetzen. Wir behalten das letzte Entscheidungsrecht, werden es aber nur sehr zurückhaltend nutzen, wenn wir davon überzeugt sind, dass die mehrheitlich beschlossenen Initiativen dem Unternehmen schaden.

Die spannende Frage war also mal wieder: Was wird passieren? Wie verantwortungsvoll werden alle mit diesem mächtigen Gestaltungsrecht umgehen?

Es sind mehrere düstere Szenarien denkbar:

  • Im Schutze der Anonymität werden wir mit Initiativen geflutet, welche uns bei Umsetzung in den Ruin treiben würden.
  • Es kommt laufend zu wüsten Beleidigungen von Kollegen.
  • Das System wird überwiegend von wenigen frustrierten oder ausschließlich destruktiven Kollegen genutzt.

Der Start war recht schleppend. Wir konnten in den ersten 2 Wochen nur ca. 40% der Mitarbeiter motivieren, sich in den Themenbereichen anzumelden. Mittlerweile sind wir bei über 70%.

Auch die Teilnahme an den Abstimmungen war alles andere als erfreulich. Nur knapp ein Viertel der Kollegen haben an den Abstimmungen teilgenommen. Diese Quote ist nun auch auf ca. 50% angestiegen.

Die anfängliche Zurückhaltung ist sicher auch auf die nicht gerate intuitive Nutzerführung von LQFB zurückzuführen.

Erfreulich ist, dass keines der o.g. düsteren Szenarien eingetreten ist. Zwar gibt es immer wieder mal Initiativen, wo ich nur mit dem Kopf schütteln kann. Aber: Diese Initiativen werden entweder in der Abstimmung abgebügelt oder aber bekommen schon in der Diskussionsphase so viel Gegenwind, dass sie zurückgezogen werden.

Beispiele für gescheiterte oder zurückgezogene Initiativen:

  • Anschaffung eines Kickers
  • Telefone in der Mittagspause durchklingeln lassen
  • Erste Hilfe Kurse im Unternehmen
  • Abschaffung der Mobiltelefon-Regel, jeder Mitarbeiter sucht sich sein Handy selber aus.

Es gibt auch erfolgreiche Initiativen, bei denen die Mehrheit anders abgestimmt hat als ich:

  • Abschaffung der Verpflichtung von Besitzern dienstlicher Smartphones Standortmeldungen über Foursquare abzusetzen .
  • Abschaffen der Bewertung für Halbjährliche Blogeinträge
  • Anschaffung eines Firmenfahrrades

Diese Initiativen sind umgesetzt worden. Ich fand die Ergebnisse nicht gut, war aber weit davon entfernt, deswegen ein Veto auszusprechen.

Beispiele für weitere Initiativen:

  • Neufassung der Regel zur Beendigung von Arbeitsverträgen
  • Vorschlag zur Einführung einer Regel zur Personalentwicklung
  • Beförderung zu Führungskräften

Bislang hat es 22 Initiativen in unserem LQFB gegeben.

Die meisten Mitarbeiter machen von der Möglichkeit Gebrauch, mit einem Pseudonym mitzuarbeiten. Ich habe eine Zeit meinen Klarnamen genutzt, dies aber mittlerweile wieder rückgängig gemacht. Ich habe von mehreren Kollegen die Rückmeldung bekommen, dass meine Klarnamennutzung möglicherweise doch die Abstimmungen zu stark beeinflusst. Ich glaube das zwar nicht. Allerdings finde ich es auch mittlerweile angenehm, in der Diskussionsphase Klartext schreiben zu können und nicht zu diplomatisch sein zu müssen.

Man kann deutlich beobachten, dass die Diskussion unter Pseudonymen erheblich direkter und offener ist als mit Klarnamen (zB in unserem Wiki). Es ist bislang nicht zu groben Ausfällen oder übler Trollerei gekommen. Ich finde, den etwas ruppigeren Ton im LQFB deutlich zielführender als das doch teilweise diplomatisch geprägte Geschwurbel, was wir sonst in Diskussionen haben.

Zwischenfazit:

Ich sehe die Einführung von LQFB als klaren Erfolg. Wir bekommen nun Themen auf den Tisch, die wir vorher nicht gesehen haben. Wir bekommen eine quantitative, offene und ehrliche Einschätzung zu wichtigen Themen. Ich nutze LQFB selber auch, um offene Mitarbeit an eigenen Initiativen zu bekommen. Allein die Anregungen sind sehr wertvoll. Das funktioniert m.E. in LQFB deutlich besser als im Wiki. Die Anzahl der Initiativen ist nicht hoch aber da im LQFB nur die Themen eingebracht werden, die unter Klarnamen schwierig sind, bewerte ich das nicht als negativ. Wenn jemand eine wenig konfliktträchtige geniale Idee hat, habe ich durchaus Verständnis, dass diese unter Klarnamen lieber ins Wiki eingebracht wird.

Unsere Kollegen haben wieder mal bewiesen, dass sie selbst im Schutze von Pseudonymen absolut verantwortungsvoll mit Gestaltungsrechten umgehen.

Also haben wir entweder deutlich bessere Mitarbeiter als alle anderen Unternehmen (was ziemlich wahrscheinlich ist…) oder aber Führungskräfte anderer Unternehmen fürchten sich völlig zu unrecht vor ihren Mitarbeitern.

sonja albrecht, 23. Mai 2012 um 08:14

Liebe(r) Empfänger(in) dieser Antwort,

danke für die offene Berichterstattung zum LQFB-Erfolg. Wir nutzen nun eine Weile schon die Yammer-Plattform und ich kann ähnliches sagen. Was „global abgewählt“ wird, veranlasst die Schreiber, vorsichtiger mit Ansprüchen oder Freiheiten umzugehen, ich würde sagen, auch ohne, dass wir mit Pseudonymen schreiben. Dies fände ich jedoch auch durchaus spannend. Und manchmal denke ich, es hätte was, wenn man eine Art Quarantäne für Ideen verhängen würde. Also, eine neue Initiative steht erst mal 48 Stunden nur auf „Lesen“, bevor man eine Antwort dazu schreiben kann. Das könnte für überlegtere Antworten sorgen, denn ich finde, dass viel Energie durch zu schnelles Abtun und darauf Reagieren verpufft. Schnellmelder verbinden ihre Ängste mit dem Gelesenen und wehren sich sofort, haben aber vielleicht die Tiefe der Idee noch nicht erfasst, mit der sie u. U. mehr als einverstanden wären. Eine Quarantäne würde die Sicherheit bieten, dass die Idee erst mal stehen und wirken kann, bevor sie auseinandergenommen würde. Wenn sie das dann immer noch wird, gut.

Direktheit und Präzision in der Beschreibung halte ich für sehr wichtig. Dazu gehört kulturell, dass man sich gegenseitig in den Anliegen versteht und nicht immer nur von der eigenen Warte aus denkt. Oft scheitern Verständigung und Umsetzung daran, dass sich Beteiligte zu schnell angegriffen fühlen. Dabei gilt in 99 % der Fälle, dass der andere von sich und nicht von einem selbst spricht. Es ist harte Arbeit, das Gegenüber komplett zu verstehen, zu dem Investment muss man bereit sein, wenn der eigene Beitrag wertvoll sein soll. Man sollte sicher sein, dass man die Idee so vollständig verstanden hat, wie sie unterbreitet wurde. Erst, wenn man sie so wiedergeben kann, wie der Urheber sie schildert, sollte man anfangen, damit umzugehen, verbal wie aktiv.
Einen schönen Tag und einen freundlichen Gruß,
Sonja Albrecht

Frank Roebers, 23. Mai 2012 um 21:48

Hallo Frau Albrecht,
das mit der Quarantäne ist eine interessante Idee. Bislang habe ich nicht den Eindruck, dass zu schnell gegen eine gute Idee geschossen wird. Aber möglicherweise sehen das bei uns bereits einige Kollegen anders.
Grüße
Frank Roebers

Schweiz soll Teilnahme am Open Government Partnership prüfen, Liquid Feedback im Unternehmen, Diskussion über ‘digital public services and sustainability’ auf EU-Ebene » E-Demokratie.org

Michael Voigt, 8. Juni 2012 um 20:19

Sg. Damen u. herren der Fa. Synaxon

Ich habe in einem Tweet von H. Pritlove über ihren interessanten Weg des LQFB in der Unternehmensführung gelesen.

Da seit einigen Jahren in meiner Firma – unter support einer externen Firma – MitarbeiterFeedback erfolgt, würde mich interessieren, worin Sie den Hauptunterschied von LQFB zu gängigen Mitarbeiterfeedback Befragungen sehen.

Bislang haben wir diese durch Questionaire und Fragebogen durchgeführt. Dabei wurde relativ viel Zeit und Aufwand betrieben, teilweise ist die Umsetzung der Ideen und Vorschläge deutlich langsam.
Welche Vorteile bieten sich nun durch das neue System? In wieweit können Sie auch Mehrwert aus Unternehmenssicht erkennen?

Ich danke im Voraus für ihre Antwort
M.Voigt

Frank Roebers, 9. Juni 2012 um 17:15

Hallo Herr Voigt,
der wesentliche Unterschied zwischen LQFB und Mitarbeiterbefragungen ist, dass Sie bei LQFB einen konstruktiven Diskurs als Reaktion auf eine Mitarbeiterinitiative bekommen. Dies gesschieht durch Diskussionsbeiträge, formale Anregungen und Gegeninitiativen. Das führt bei uns regelmäßig dazu, dass Initiativen nach Diskussion zurück gezogen, Initiativen durch Anregungen erheblich verbessert werden oder aber Gegeninitiativen eine deutliche Mehrheit bekommen.
Das bekommen Sie bei einer Befragung der Mitarbeiter nicht.
Der Mehrwert für das Unternehmen im Vergleich zu Befragungen ist, dass die Qualität der Ergebnisse bei LQFB meiner Meinung nach erheblich höher ist.
Grüße
Frank Roebers

Unternehmensführung 2.0: Demokratie statt Betriebsrat

Piraten-Methoden in der PC-SPEZIALIST Zentrale | PC-SPEZIALIST Blog

Daniel Roner, 11. Februar 2013 um 12:21

Guten Tag Herr Roebers,

vielen Dank für diesen offenen und ausführlichen Beitrag. Er macht Mut ähnliche Methode einzusetzen und nimmt die Angst vor den „kreativen Mitarbeitern“. Was ist denn al Liquid Feedback außer der Benutzeroberfläche noch zu verbessern. Wie lange dauerte die Einführung (technisch), sowie die Schulung der Mitarbeiter? Was könnte noch verbessert werden, damit es für die Mitarbeiter noch einfacher wird und Spass macht sich an Unternehmensgestaltung zu beteiligen=

Grüße
Daniel Rosner

Daniel, 22. April 2013 um 21:53

Das Problem bei Beteiligungssystemen wie LiquidFeedback ist die schlechte Usability und die fehlende Möglichkeit die zur Wahl stehenden Vorschläge in ihrem Kontext zu beschreiben und zu präsentieren. Wir haben ein Tool entwickelt, Contextoo, mit welchem eine Mitarbeiter-Beteiligung möglich ist, bei der die Vorschläge ausführlich beschrieben und diskutiert werden können. Letztendlich kann jeder Mitarbeiter für einen Vorschlag stimmen. Eine Demo finden sie hier:
http://www.contextoo.com/6263618974/

Herr Roeber, ich kann das aber nur behaupten, dass
a) die Vorschläge präsentiert werden müssen (Argumente in Form von Texten, Bilder, Videos, Links, Dateien….)
b) die Vorschläge anhand ihres Kontext verstanden werden müssen

Würden Sie sagen, dass dies eine Anforderung an ein Mitarbeiter-Beteiligungssystem ist – die Präsentation der Vorschläge mit Kontext?

Thomas-HL, 20. Mai 2013 um 19:02

Guten Tag Herr Roebers,

und danke für die informative Darstellung. Eine Besonderheit von LiquidFeedback ist ja die Möglichkeit, die eigene Stimme zu einem bestimmten Thema an einen (kompetenteren) Dritten zu delegieren. Wird diese Möglichkeit denn auch von Ihren Mitarbeitern genutzt?

Frank Roebers, 21. Mai 2013 um 07:25

Hallo, die Möglichkeit der Delegation wird in weniger als 1% aller Stimmabgaben genutzt.

Martin, 17. Oktober 2013 um 20:59

Hallo Synaxon-Team,

der letzte Rückblick zu Liquid Feedback ist jetzt fast 1,5 Jahre her. Wir würden Sie jetzt den Einsatz von LQFB bewerten? Sind Auswüche entstanden? Bei welchen Entscheidung haben Sie ihr Veto eingelegt?

Herzliche Grüße,
Martin

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